Zusammenfassung

Der Text gibt eine Übersicht über die yukatekische Nomenklatur von Krankheiten, deren Entstehung durch die mal vientos, wer die medizinischen Spezialisten sind, und welche vielfältigen Methoden diese zur Heilung entwickelt haben.

 

FUSSNOTEN

(1) Angaben in yukatekischer Sprache werden immer in der Orthographie der jeweiligen Quelle angegeben, was bei kolonialzeitlichen Dokumenten zu Abweichungen zur heute gebräuchlichen Schreibweise führen kann.
(2) Literaturhinweise auf das Diccionario Maya werden statt dem Format (Barrera Vásquez 1995: Seite) nur in der Kurzform „Cordemex (Seite)“ angegeben.
(3) Wie die Einträge in den Wörterbüchern zeigen, schwingen in der Semantik von ik’ nicht nur die Bedeutungen „Wind“ und „Luft“ mit, sondern auch eine Essenz des Lebendigen, was in den Übersetzungen mit „espíritu vital, vida, ánimo, fuerza“ wiedergegeben wird. Diese Vorstellung reicht möglicherweise bis in die Klassik zurück, es ist aufgrund des hohen symbolischen Charakters der Maya-Schrift wahrscheinlich kein Zufall, daß der Tag IK’ und das Wort NAAL (was allgemein mit Bewußtsein“ übersetzt wird, für eine Diskussion siehe Eberl 1999: 18) mit der gleichen Glyphe T503 geschrieben werden.
(4) Auch hier zeigt sich die Konzeption von k’aax und kaaj, von ungeordneter und gefährlicher Wildnis und dem geordneten und sicheren Raum des Dorfes.
(5) Die Herkunft dieses Glaubens ist unklar. Aufgrund der engen Verbindung zwischen Erkrankung und Genesung sind diese Tage aber genauso gefährlich, „verhext“ zu werden.
(6) k’ex bedeutet in vielen Maya-Sprachen „Austausch, Ersatz, Wechsel“, vgl. folgende Einträge im Cordemex (396): „trueque, recompensa o recompensación; rito del cambio“. Taube (1994: 673f.) zeigt am Beispiel der Geburt ein Opfer als Ausgleich für das Neugeborene an die Todesgötter. Da sich aber in der Literatur nur dürftige Beschreibungen finden und hin-sichtlich der Anwendung bei medizinischen Ritualen keine klaren Aussagen gemacht werden können, soll das k’ex hier nur am Rande behandelt werden.
(7) Die Libros de Chilam Balam haben neben ihren bekannten prophetischen Inhalten auch Abschnitte über Krankheiten mit ihren spezifischen Heilpflanzen, v.a. das Chilam Balam von Nah.

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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Institut für Altamerikanistik und Ethnologie


Sven Gronemeyer

DAS INDIGENE MEDIZINSYSTEM
KRANKHEIT UND HEILUNG

Hausarbeit im Rahmen des Sprachkurses "Sprache und Kultur der yukatekischen Maya"
unter der Leitung von PD Dr. Nikolai Grube, WS 00/01

Bonn, im März 2001


 

INHALTSVERZEICHNIS


EINLEITUNG

KRANKHEITSBEZEICHNUNGEN

ENTSTEHUNG VON KRANKHEITEN

DIE MEDIZINISCHEN SPEZIALISTEN

DIE BEHANDLUNG VON KRANKHEITEN

DIE ZUKUNFT

LITERATURVERZEICHNIS


EINLEITUNG

In Yucatan, wie auch in anderen Gegenden Lateinamerikas, hat sich vor allem in den ländlichen Gemeinschaften bis heute ein traditionelles Medizinwesen erhalten, das trotz 450 Jahre spanischer Kolonialherrschaft aus seinen präkolumbischen Wurzeln überlebt hat (Gubler 1997: 71) und wohl nur geringfügige Änderungen erfahren hat.

Umfangreiche Quellen aus der Kolonialzeit zeigen eine detaillierte Auflistung zahlreicher Krankheiten mit ihren Symptomen verbunden mit deren Therapiemöglichkeiten und den benötigten Heilpflanzen und Zauberformeln. Die bekanntesten Vertreter dieser medizinischen Handschriften sind wohl das Ritual de los Bacabes, das Libro de Judío und die Libros de los Chilam Balam.

Da umfangreichen Quellen aus der Zeit der spanischen Herrschaft diese Thematik zum Inhalt haben, baut diese Ausarbeitung in großem Umfang auf die ethnohistorischen Quellen auf, berücksichtigt aber auch die Gegenwart und versucht, die kulturelle Kohärenz aufzuzeigen.

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KRANKHEITSBEZEICHNUNGEN

Da man das indigene Medizinsystem nur verstehen kann, wenn man weiß, wie Krankheiten verursacht werden, soll zuerst eine Einführung über die Konzeption von Krankheiten gegeben werden, d.h. wie Krankheiten "übertragen" werden und, mehr von einer linguistischen Sicht, wie Krankheiten benannt werden.

Betrachtet man die Bezeichnungen für Krankheiten, v.a. die nicht alltäglichen, so fällt auf, daß sie in ihrer indigenen Nomenklatur einer gewissen Regelmäßigkeit unterliegen und aufgrund ihrer Bestandteile in einer Taxonomie untergebracht werden können. Diese Nomenklatur orientiert sich an deskriptiven symptomatischen Effekten, wie etwa sensorische oder visuelle Eindrücke, und verbindet diese mit metaphorischen Bezeichnungen ihrer Wesensart.

So tragen Krankheiten die Namen von Tieren (Gubler 1997: 72), beispielsweise werden Krämpfe oder Zuckungen als "Tobsucht/Besitzergreifung eines Tieres" bezeichnet, so etwa im Ritual de los Bacabes: mo tancas (1(1) Angaben in yukatekischer Sprache werden immer in der Orthographie der jeweiligen Quelle angegeben, was bei kolonialzeitlichen Dokumenten zu Abweichungen zur heute gebräuchlichen Schreibweise führen kann.) (Tobsucht des Aras), balam tancas (Tobsucht des Jaguar) u.ä. Hier treten aber auch spezifische Charakteristika auf, wie etwa ah ci tancas (Trunkene Tobsucht) oder nicte tancas (Erotische Besitzergreifung). Neben seiner Grundbedeutung "Feuer" wird k’ak’ (und orthographische Varianten) auch zur Bezeichnung von "Krankheit" im allgemeinen und von Hautkrankheiten im speziellen (die größte Zahl an lexikalischen Einträgen) benutzt. Der Cordemex (2(2) Literaturhinweise auf das Diccionario Maya werden statt dem Format (Barrera Vásquez 1995: Seite) nur in der Kurzform „Cordemex (Seite)“ angegeben.) (364) liefert dazu folgenden Eintrag: "fuego, enfermedad, tómase por viruelas en general (Feuer, Krankheit, es wird genommen für Pocken im allgemeinen)". Mit zusätzlichen Worten werden neue Bedeutungen geformt, wie folgendes Beispiel im Cordemex (367) zeigt: k’ak’ ek’ "incordio, tumor (Geschwür, Tumor)".

Wie bereits oben allgemein erwähnt, scheint auch in diesem speziellen Fall die Verwendung von "Feuer" zur Bezeichnung von Hautkrankheiten nicht ohne Grund zu sein, denkt man nur an die rote Farbe von Hautausschlägen, ihre erhöhte Temperatur und den auftretenden Juckreiz.

Daneben können auch vergleichbare sensorische Eindrücke zur Namengebung verwendet werden. So ist die Bezeichnung für Gicht "chibal oc" (Gubler 1997: 76) wörtlich als "Bißwunde (chibal) am Fuß (oc)" zu übersetzen (Cordemex 92, 594), ein treffender Umstand für die zumeist nur am Fuß auftretenden Beschwerden in Form plötzlich auftauchender, stechender Schmerzen.

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ENTSTEHUNG VON KRANKHEITEN

Zum Verständnis der Heilungsprozeduren ist die Kenntnis der Entstehung von Krankheiten und die Einwirkung von schadhaften Einflüssen auf den Menschen wesentlich, da die Rekonvaleszenz den umgekehrten Prozeß der Erkrankung darstellt. Das Ritual de los Bacabes ist die wichtigste ethnohistorische Quelle, um das indigene Konzept von Krankheit zu verstehen und zu sehen, wie der Schamane die Krankheit behandelt (vgl. u.a. Gubler 1997: 81). Eine Unterscheidung zwischen geistigen und körperlichen Krankheiten wird grundsätzlich nicht gemacht (Gubler 1995: 63). Wie auch bei der Heilung kann man bei der Erkrankung eine metaphysische und eine natürliche Ebene unterscheiden: die Ursachen für alltägliche Beschwerden werden gewöhnlich vernunftmäßig erklärt, falls hier Heilungsversuche scheitern, oder bei anderen Ursachen, wird schnell auf die übergeordnete Ebene gesprungen (Gubler 1995: 63), immer in der Hoffnung, daß die Situation nicht allzu gravierend ist. Ein aus der jüngeren Vergangenheit (Redfield 1970: 318) stammender Vorfall demonstriert dies sehr deutlich:

"One afternoon Bicha went into her yard to look after her chickens. She had taken only a few steps when she felt a sharp pain in her right leg. It was so severe, that she could hardly stand [...]. From the first a wind was suspected, but it was hoped that it was only rheumatism."

Wie das Zitat bereits angedeutet hat, bilden grundsätzlich "üble Winde" die Ursache für Krankheiten, die auf eine nicht näher bekannte Weise in den Menschen eindringen und Krankheit bei ihm verursachen (Redfield 1970: 306). Im Yucatekischen wird zur Bezeichnung der Winde ik’ als Grundform und Ableitungen dieser Wortwurzel verwendet (3(3) Wie die Einträge in den Wörterbüchern zeigen, schwingen in der Semantik von ik’ nicht nur die Bedeutungen „Wind“ und „Luft“ mit, sondern auch eine Essenz des Lebendigen, was in den Übersetzungen mit „espíritu vital, vida, ánimo, fuerza“ wiedergegeben wird. Diese Vorstellung reicht möglicherweise bis in die Klassik zurück, es ist aufgrund des hohen symbolischen Charakters der Maya-Schrift wahrscheinlich kein Zufall, daß der Tag IK’ und das Wort NAAL (was allgemein mit Bewußtsein“ übersetzt wird, für eine Diskussion siehe Eberl 1999: 18) mit der gleichen Glyphe T503 geschrieben werden.), der Cordemex (266, 773, 804) liefert hierzu folgende Einträge: "enfermedad que el vulgo llama aire, la enfermedad dicha, aire (Krankheit, welche die breite Masse ‚Luft‘ nennt, die besagte Krankheit, Luft)", für in yakal ik’: "esme muy dañoso y contrario a la salud el viento, ... (er ist mir sehr schädlich und gegenteilig zum Wohl, der Wind, ...)", für tan ik’: "viento en proa o contrario (Wind am Vorschiff oder schädlich)" und für tokop ik’: "viento contrario (schädlicher Wind)". Gubler gebraucht in einem ihrer Artikel (1997: 82) eine gute Bezeichnung zur Charakterisierung dieser Einflüsse: espíritu-viento-enfermedad. Heute sind diese Winde teilweise mit den momentanen Luftbewegungen, aber auch teilpersonifiziert mit übernatürlichen Wesen und Symptomen verbunden. Menschen, die den geordneten Raum des Dorfes verlassen (4(4) Auch hier zeigt sich die Konzeption von k’aax und kaaj, von ungeordneter und gefährlicher Wildnis und dem geordneten und sicheren Raum des Dorfes.), beispielsweise um im Wald zu jagen, sind besonders gefährdet, ebenso die, die vom Arbeiten geschwitzt, die müde oder sexuell erregt sind (Redfield 1970: 306).

Neben den mal vientos, den "üblen Winden", gibt es noch andere spirituelle Ursachen für Krankheiten und Formen von Unwohlsein (Arvigo & Balick 1998: 15f.), die aber durchaus mit diesen zusammenhängen können. Der susto kann durch vielerlei Situationen entstehen, die ein emotionales Trauma erzeugen, wie etwa der Tod eines geliebten Menschen. Hauptsächlich werden Kinder Opfer dieser Krankheit, die sich als Lustlosigkeit darstellt, verbunden mit Verstopfung und Durchfall, ebenso schlechter Schlaf mit Alpträumen und Schweißausbrüchen. Damit verbunden sind pesar, der Kummer (etwa durch eine verlorene Liebe) und tristeza, ein Gemütszustand der einer Depression nahe kommt. – Sehr schädlich ist envidia, der Neid, der unbewußt von einem anderen ausgeht. Davon betroffene Personen verlieren das Interesse an den Angelegenheiten des täglichen Lebens und fühlen sich gelangweilt. Es zeigen sich Schlaf- und Appetitlosigkeit und ein Schwund des Selbstvertrauens. Neid kann auch durch einen sog. "bösen Blick" übertragen werden, was aber nur von Leuten durchgeführt werden kann, denen ein "heißes Auge" nachgesagt wird. Maldad ist die schädlichste Form von Mißgunst und die unbehandelt zum Tode führen kann. Ein Neider sucht hier die Hilfe eines Mannes auf, der sich in den Angelegenheiten der "schwarzen Magie" auskennt und der sicherstellt, daß dem Opfer nur noch Fehlschläge widerfahren.

Neben diesen Vorstellungen kommt auch das aus präkolumbischer Zeit stammende Kosmologiemodell zum Tragen, welches die Welt in vier Kardinalrichtungen und Quadranten einteilt und diesen Farben (Norden/weiß, Süden/gelb, Westen/schwarz, Osten/rot) und andere Attribute zuteilt, wie etwa verschiedene Bäume und Vögel. So werden die schädlichen Winde mit den Himmelsrichtungen assoziiert, ebenso wie später bei der Behandlung die angerufenen Götter.

Wie ja das gesamte Medizinsystem auf einem dualistischen Prinzip aufbaut, so gibt es noch eine anderes Dichotomie: heiß und kalt (Arvigo & Balick 1998: 10f.). Befindet man sich in einem thermischen Gleichgewicht, so ist keine Gefahr zu erwarten. Wird aber ein rascher Temperaturwechsel innerhalb oder außerhalb des Körpers herbeigeführt, etwa wenn man vom Arbeiten geschwitzt ist (s.o.) und danach in kaltem Wasser baden würde, so begünstigt dies das Entstehen von Krankheiten, angefangen bei Verspannungen und Kopfschmerzen bis hin zu grippeartigen Symptomen. So untersagen Heiler ihren Patienten auch, 24 Stunden nach der Einnahme eines den Körper wärmenden Kräutertees tatsächlich oder als kalt angesehene Speisen und Getränke zu konsumieren. Es ist wichtig festzustellen, daß in diesem System weniger die reelle und meßbare Temperatur von Belang ist, sondern vielmehr eine zugedachte Qualität. So existieren auch Krankheiten mit diesen Eigenschaften gibt auch entsprechende Nahrungsmittel und Heilkräuter, denen bestimmte Temperaturen zugedacht werden.

Es werden auch Beziehungen zwischen menschlichen Krankheiten und Naturphänomen hergestellt, so gibt es eine stillschweigende Parallele zwischen Fieber, einer menschlichen Krankheit, und Dürre, dem Fieber der Milpa.

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DIE MEDIZINISCHEN SPEZIALISTEN

Kolonialzeitliche Quellen, u.a. das Calepino de Motul (Arzápolo Marín 1995) liefern verschiedene Bezeichnungen für medizinische Spezialisten (Gubler 1997: 76), die üblicherweise negativ bewertet werden. Eine auch heute noch verwendete allgemeine Bezeichnung für einen Schamanen ist h-men oder ah men, der "maestro o artífice de cualquier dote u oficio, y oficial; el que hace o entiende algo, curandero o yerbatero, diestro en casi cualquier arte y profesión ("Meister oder Künstler einer beliebigen Begabung oder eines Handwerks und Amtes; er, der hat oder etwas versteht, Heiler und Kräutersammler, geschickt in Fällen jedweder Kunst und Beschäftigung)" (Cordemex 520). Neben der generischen Bezeichnung ah ts’ak (Cordemex 872) als "médico en general y cirujano (Heiler im allgemeinen und Chirurg)" und abgeleiteten Benennungen wie ah ts’ak tsimin (Cordemex 872) für "albéitar, veterinario (Tierarzt, Veterinär)" findet sich dort ah pul, was der Cordemex (675) als "significa, añadiendo el nombre de enfermedad, el hechicero de aquella enfermedad o mal (Bezeichnung, angefügt der Name der Krankheit, Hexer derjenigen Krankheit oder des Übels)". So ist etwa der ah pul uenel derjenige, der Müdigkeit und Einschlafen verursacht. Neben diesen "Hexern" gibt das Calepino aber noch andere "Spezialisten" wieder: beispielsweise ist der ah tok der "Bader oder Aderlasser" während der ah ohel tu kinam xiuoob der "Kräutersammler" ist.

Wie sich hier bereits angedeutet hat, sind die medizinischen Spezialisten in ihrer Grundhaltung indifferent. Sie können sowohl Krankheiten heilen als auch selber "böse Winde" aussenden, diese Überzeugung hat auch heute noch Bestand (Gubler 1995: 65). So vermeiden es Heiler, Behandlungen im Gebiet eines anderen durchzuführen, da sie fürchten, von ihm ihre Kräfte entzogen zu bekommen, selber "verhext" zu werden oder dabei verrückt zu werden (Gubler 1995: 71). Natürlich sagt auch jeder Heiler von sich, daß er seine Kräfte nur zu guten Zwecken verwendet. Somit werden Heiler, was auch weitere Rückschlüsse auf das Entstehen von Krankheiten zuläßt, auch gerufen, um die Sprüche anderer unwirksam zu machen, was sie teilweise auch an sich selbst durchführen müssen.

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DIE BEHANDLUNG VON KRANKHEITEN

Ebenso wie bei der Entstehung von Krankheiten kann man zwischen pragmatischen und metaphysischen Aspekte der Heilung unterscheiden, die aber nie getrennt auftreten.

Heutzutage versucht der Heiler zuerst in Erfahrung zu bringen, an welchen Symptomen der Kranke leidet (Gubler 1995: 67). Der Patient sitzt ihm gegenüber und schildert seine Symptome, wobei der Heiler immer wieder Nachfragungen anstellt. Ihn interessieren nicht nur die Symptome, sondern auch das familiäre Umfeld und andere soziale Beziehungen. Dies sind für ihn Schlüsselelemente bei der Festlegung der Krankheitsursache als ein natürlicher Ursprung, Hexerei oder die Mißgunst einer anderen Person.

Bei der Ursachenerkundung oder Prophezeiungen kommt auch ein kleines, murmelartiges Objekt, der sog. sastun zum Einsatz, der angeblich nur von Schamanen gefunden werden kann (Gubler 1995: 65). Gleich der Kristallkugel einer abendländischen Wahrsagerin kann der Schamane mit Hilfe einer selbstinduzierten Trance in ihm die Ursache für die Krankheit, ihren Sitz im Körper ebenso wie Heilungsmethoden erkennen (Gubler 1995: 66).

Bei einfachen physischen Umständen werden verschiedene Heilkräuter verschrieben, die auf verschiedene Art angewendet werden. Sie können oral, etwa als Tee oder Tinktur, kutan durch Umschläge, Bäder, Puder, oder Salben, durch Rauchen und, dies ist aus kolonialzeitlichen Quellen bekannt, als Einlauf angewendet werden. Sehr interessant ist die Anwendung einer Tinktur aus zorillo und Alkohol zur Heilung von Alkoholsucht (Arvigo & Balick 1998: 21, 190f.). Die Pflanze ist ein starkes Emetikum, nach dem Konsum der Mixtur tritt beim erneuten Geruch von Alkohol wiederholt Erbrechen auf. Die Anwendung der Medizin soll also einen Lerneffekt einleiten um dem Alkohol abzuschwören.

Obwohl die Pflanzen in ihrer Wirkung gegenüber den spirituellen Behandlungsmöglichkeiten immer nur als sekundär angesehen wurden, nehmen sie in den ethnohistorischen Quellen einen sehr großen Teil ein. Zur Erkennung von Krankheiten sollen aber auch andere Ursachen berücksichtigt werden, so gibt das Libro de medicinas muy seguro den Hinweis, vorher den Urin des Patienten zu untersuchen, um zu wissen, ob man mit einer "warmen" oder "kalten" Behandlungsmethode fortfahren muß (Gubler 2000: 19) und weißt verschiedenen Farben des Urins Temperaturen zu (Gubler 2000: 20).

Warme Ursachen und Krankheiten sollte man immer mit kalten Mitteln behandeln, entsprechend Kaltes mit Warmem (Arvigo & Balick 1998: 10) um eine gegenteilige Reaktion hervorzurufen und wieder in das thermische Gleichgewicht zu kommen. Beispiele für warme Krankheiten sind Fieber, Ausschläge, Schwitzen, Unruhe und Blähungen, die mit den Blättern und Früchten von Limone, Grapefruit, Avocado, Mango, Papaya, Wassermelone oder Portulak behandeln kann (Arvigo & Balick 1998: 11). Kalte Krankheiten sind unter anderem Krämpfe, Spasmen, Lähmungen, Unfruchtbarkeit, erhöhte Schleimsekretion oder Blutstauungen. Sie können mit warmen Heilmitteln wie den Blättern und Früchten der Orange, Zimtapfel, aufgebrühtem Kaffee, Blätter von Amarant oder Süßkartoffel (Arvigo & Balick 1998: 11) bekämpft werden. Es sollte jedoch niemals gleiches mit gleichem zu heilen versucht werden, da sich Wirkungen verstärken können und die Konsequenzen nicht vorhersehbar sind.

Die Bekämpfung nicht physischer Ursachen ist wesentlich komplexer, wie das Ritual de los Bacabes zeigt. Die Texte dort beziehen sich auf alle drei Ebenen des Kosmos und umfassen Patient, Heiler, Krankheit und den "bösen Wind" (Gubler 1995: 38). In selbst induzierten Trancen versucht der Heiler in diese Ebenen einzudringen und den Wind dort zu einem, wie Gubler es ausgedrückt hat, "contest of power" (Gubler 1995: 39) zu stellen. Dazu ist es wichtig, den Namen des Windes zu kennen. Der Heiler ist vertraut mit allen Namen und Assoziationen, die mit der Krankheit verbunden sind. Der Ton, den der Heiler in einer Art von rhetorischem Dialog gegenüber den Winden anschlägt ist oft aggressiv und beleidigend, wie folgendes Beispiel zeigt (Árzapolo 1987: 269-276):

"¿Quién eres tú, engendrador? ¿Quién eres tú, el de las tinieblas? ... ¿Quién fue tu madre? ¿quién fue tu lujurioso progenitor?"
"Wer bist Du, Mißgeburt? Wer bist Du, der von der Finsternis? ... Wer war Deine Mutter? Wer war Dein geiler Erzeuger?")

Der Wind wird weiterhin ermahnt, daß er vom Heiler angegriffen und vernichtet werden wird. Nachdem die Abstammung und die Verbindungen zu den kosmologischen Symbolen identifiziert wurde, geht der Dialog dazu über, die assoziierten Pflanzen zu identifizieren (Arzápolo Marín 1987: 271):

"¿Cuál fue tu planta? ¿Cuál fue tu linaje al nacer? El tancasche rojo, el tancasche blanco, el tancasche negro, el tancasche amarillo; el kantemo rojo, el kantemo blanco, el kantemo negro, el kantemo amarillo fueron tus árboles."
"Was war deine Pflanze? Was war deine Geburtslinie? Der rote tancasche, der weiße tancasche, der schwarze tancasche, der gelbe tancasche; der rote kantemo, der weiße kantemo, der schwarze kantemo, der gelbe kantemo waren deine Bäume."

Die Vertreibung des Windes in das Metnal (die Unterwelt), die man durchaus mit einem Exorzismus vergleichen kann, geschieht im Ritual de los Bacabes häufig unter Anrufung bestimmter Götter, häufig die Bacabes selbst, ebenso die Ix Chel, Itzamná und die Götter der Zahlen vier, neun (Bolon Tii Ku) und dreizehn (Oxlahun Tii Ku), Zahlen mit hoher kosmologischer Bedeutung (Arzápolo Marín 1987: 272):

"Lanzadlo ahí A ti me dirijo, Cantul Tii Ku "Cuatro-deidad". A vosotros me dirijo, Cantul Tii Bacab "Cuatro Bacab". Habrá de caer hasta donde está Ix Kan Kinich "Preciosa-de-rostro-solar", Ix Kan Ch’aah Olom "Preciosa-de-la-sangre-que-gotea", hasta la que viene sin compañía Acay Olom "La-de-la-sangre-fluyente". Lanzadlo ahí hasta la que viene sin compañía Acay Olom "La-de-la-sangre-fluyente." Lanzadlo ahí vosotros, Cantul Tii Ku "Cuatro-deidad" vosotros, Cantul Tii Bacab "Cuatro-bacab"."
"Es dahin werfend wende ich mich an Can Tii Ku "Vierfache Gottheit". An euch wende ich mich, Cantul Tii Bacab "Vierfacher Bacab". Es muß fallen bis wo Ix Kan Kinich "Kostbar ist das Gesicht der Sonne" ist, Ix Kan Ch’aah Olom "Kostbar ist das Blut das tröpfelt", bis daß sie kommt ohne Begleitung Acay Olom "Sie vom fließenden Blut". Es dahin werfend, bis daß sie kommt ohne Begleitung Acay Olom "Sie vom fließenden Blut". Es euch dahinwerfend, Cantul Tii Ku "Vierfache Gottheit", euch, Cantul Tii Bacab "Vierfacher Bacab"."

Die beiden oben wiedergegebenen Zitate zeigen noch einmal deutlich das kosmologische Modell mit einer vierfachen Auflistung und die Assoziation von Farben mit Himmelsrichtungen. Auch werden die Götter im letzten Zitat sowohl singularisch als auch pluralisch angesprochen, ein Verweis sowohl auf das einzelne Individuum als auch auf die Vierheit von Aspekten in einer Person.

Nachdem die Macht des "bösen Windes" gebrochen wurde, ist der Patient genesen. Auch heute besitzt die Zahlensymbolik noch einen großen Stellenwert im Medizinsystem. Behandlungen (als Zusammenschluß aller Praktiken) sollten möglichst neunmal (oder falls erforderlich, ein vielfaches mal von neun) wiederholt werden und sind am besten auf Dienstage und Freitage (5(5) Die Herkunft dieses Glaubens ist unklar. Aufgrund der engen Verbindung zwischen Erkrankung und Genesung sind diese Tage aber genauso gefährlich, „verhext“ zu werden.) anzusetzen (Arvigo & Balick 1998: 9, Gubler 1995: 68).

Das Aufsagen von Sprüchen und Gebeten, heute mit stark synkretistischen Aspekten, ist mit Handlungsabfolgen verbunden. So wird im modernen Belize (Arvigo & Balick 1998: 9) beim neunmaligen Rezitieren der Anrufungen zuerst der Puls am rechten, dann am linken Handgelenk gefühlt und schließlich wird die flache Hand auf die Stirn des Patienten gelegt. Bei jeder dieser Aktionen wird das Gebet entsprechend dreimal vorgetragen. Bei Kindern wird dagegen über dem Körper ein Bewegungsablauf wie beim Bekreuzigen vollführt, während eine Hand für zwei Gebete lang jeweils Fuß- und Handgelenk rechts und links hält, während bei der neunten Wiederholung die Stirn gehalten wird.

In einigen Fällen genügen die hier vorgestellten Bestandteile anscheinend nicht um eine Genesung des Patienten herbeizuführen. Der Heilungsprozeß wird hier um ein Ritual erweitert, welches als k’ex-Ritual (6(6) k’ex bedeutet in vielen Maya-Sprachen „Austausch, Ersatz, Wechsel“, vgl. folgende Einträge im Cordemex (396): „trueque, recompensa o recompensación; rito del cambio“. Taube (1994: 673f.) zeigt am Beispiel der Geburt ein Opfer als Ausgleich für das Neugeborene an die Todesgötter. Da sich aber in der Literatur nur dürftige Beschreibungen finden und hin-sichtlich der Anwendung bei medizinischen Ritualen keine klaren Aussagen gemacht werden können, soll das k’ex hier nur am Rande behandelt werden.) bezeichnet wird. Prinzipiell beruht es auf der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts, indem etwas für eine Gabe der Götter zurückgegeben wird. Das Ritual de los Bacabes zeigt möglicherweise ein solches k’ex-Opfer. Text 35 (Arzápolo Marín 1987: 385f., vgl. auch Sigal 2000: 168f.) ist anscheinend ein Spruch zur Heilung von Skorpionstichen ("El texto para el alacrán, es decir, para la picadura." – "Der Text für den Skorpion, er ist zu sagen für den Stich."). In der zweiten Hälfte des Textes wird ein Blutopfer aus dem Penis erwähnt, welches in der Gegenwart eines Gottes durchgeführt werden soll:

"La sagrada aguja de tu abuela fue la que cogiste y se te introdujo en el miembro. Y fue el fuego sagrado de tu abuela. Todo esto se te introdujo en la dolencia, en tu miembro. Ahí se encogió la punta y se te enfrió el miembro. Lánzalo tu mismo frente a este dios."
"Der heilige Stachel deiner Großmutter war es, was du nahmst und er drang ein in dein Glied. Und es war das heilige Feuer deiner Großmutter. All dies drang mit Schmerz in dein Glied ein. Daher zog sich zusammen die Spitze und dir kühlte sich das Glied ab. Stoß ihn dir selbst hinein im Angesicht dieses Gottes."

Der gesamte Text ist schwer verständlich, aber ein Blutopfer könnte hier als Ausgleich gegeben werden für das Austreiben der Krankheit.

Neben dieser esoterischen Ebene und den schamanistischen Aspekten der Genesung weist das Ritual de los Bacabes noch Texte über Heilpflanzen und deren Anwendung bei den verschiedenen Krankheiten auf, insgesamt werden über 60 Heilkräuter erwähnt. Obwohl, wie bereits erwähnt, diese eine eher sekundäre Rolle spielen, nehmen diese Listen von Pflanzen einen sehr großen Raum in der medizinischen Literatur ein, so auch im Libro de medicinas muy seguro oder auch die Libros de Chilam Balam (7(7) Die Libros de Chilam Balam haben neben ihren bekannten prophetischen Inhalten auch Abschnitte über Krankheiten mit ihren spezifischen Heilpflanzen, v.a. das Chilam Balam von Nah.). Die Kenntnis der Heilkräuter war ein wichtiger Bestandteil des Geheimwissens (Gubler 1997: 75).

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DIE ZUKUNFT

Das hier umrissene indigene Medizinsystem ist mindestens 450 Jahre alt und geht mit Sicherheit auf präkolumbische Wurzeln zurück. Nachdem es auch die spanische Kolonialherrschaft überstanden hat, gerät es jetzt erstmals durch die westliche Medizin in Bedrängnis (Gubler 1995: 68 f.). In der Umgebung der Städte ziehen Ärzte mehr Patienten an, ebenso verlieren die traditionellen Heiler Menschen mit schwer therapierbaren Krankheiten und steigen auch immer mehr auf schneller wirkende Medikamente anstelle der Heilkräuter um. Ebenso verlieren immer mehr junge Menschen den Glauben an das alte System. Alle diese Faktoren werden unweigerlich dazu führen, daß der traditionelle Heiler in der Zukunft an Bedeutung verliert, in puncto Arbeit ebenso wie in seiner sozialen Stellung.

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LITERATURVERZEICHNIS

Arvigo, Rosita & Michael Balick
1998 Rainforest Remedies. One Hundred Healing Herbs of Belize. 2. Aufl. Twin Lakes.
Árzapolo Marín, Ramón
1987 El Ritual de los Bacabes. Traducción maya-español. México.
1995 El Calepino de Motul: Diccionario Maya-Español, 3 vols. México.
Barrera Vásquez, Alfredo (ed.)
1995 Diccionario Maya Cordemex. Tercera edición. Editorial Porrua, S.A. México.
Eberl, Markus
1999 Tod und Begräbnis in der klassischen Maya-Kultur. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Bonn.
Gubler, Ruth
1994 The Ritual of the Bacabs: Spells and Incantations for Ritual Healing. In: Preuss, Mary H. (ed.): Beyond Indigenous Voices. 11th International Symposium on Latin American Literatures. o.O. S. 37-41.
1995 Traditional Medicine in Yucatán: What of Its Future? In: Gubler, Ruth & Ueli Hostettler (ed.): The Fragmented Present. Mesoamerican Societies Facing Modernization. Acta Mesoamericana Vol. 9. Möckmühl. S. 63-73.
1997 La medicina tradicional en Yucatán: fuentes coloniales. In: Arzápolo Marín, Ramón & Ruth Gubler (ed.): Persistencia cultural entre los Mayas frente al cambio y la modernidad. Mérida. S. 71-92.
2000 El libro de medicinas muy seguro: Transcript of an old manuscript (1751). In: Mexicon, Vol. XXII, Februar. S. 18-22.
Redfield, Robert
1970 Medicine and Magic. In: Redfield, Robert: The Folk Culture of Yucatan. 11. Auflage. Chicago. S. 303-337.
Sigal, Pete
2000 From Moon Goddesses to Virgins. The Colonization of Yucatecan Maya Sexual Desire. Austin.
Taube, Karl A.
1994 The Birth Vase: Natal Imagery in Ancient Maya Myth and Ritual. In: Kerr, Justin & Barbara (eds.): The Maya Vase Book, Volume 4. New York..

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